Die Wanderung des Roten Thuns: Der Lauf des Frühlings

Jedes Jahr, wenn der Winter dem Frühling weicht, setzen sich ganze Schwärme von Rotem Thun in den kalten Gewässern des Nordatlantiks in Bewegung.
Seit Jahrhunderten unternehmen sie dieselbe Reise und folgen Routen, die unveränderlich scheinen: ein uralter Ruf, der in ihrem genetischen Code verankert ist.
Ab April verlassen Tausende ausgewachsene Exemplare den Ozean und durchqueren die Straße von Gibraltar, um ins Mittelmeer zu gelangen. Dort erwarten sie wärmere und flachere Gewässer: die ideale Umgebung für die Fortpflanzung.
Eine Besonderheit: Über lange Zeiträume bewegen sich die Roten Thune in kleinen Gruppen, eine Phase, die Biologen als „erratisch“ bezeichnen. Doch mit Beginn der Fortpflanzungssaison ändert sich ihr Verhalten: Die Gruppen schließen sich zu großen Schwärmen zusammen und beginnen die Wanderung zu den Laichgebieten.
Die Reise durch das Mittelmeer

Nach der Durchquerung von Gibraltar nutzen die Thune die kälteren Oberflächenströmungen und ziehen in Richtung Osten. Sie schwimmen oft in Küstennähe, fast so, als würden sie von einem unsichtbaren Kompass geleitet.
Die Fischer erzählen, dass der Thunfisch das Land scheinbar mit dem linken Auge „beobachtet“ und ihm auf seinem Weg von West nach Ost folgt, ohne es jemals aus den Augen zu verlieren.
Sobald sie das Binnenmeer erreicht haben, teilen sich die Schwärme auf: Einige folgen der nordafrikanischen Küste, andere der Iberischen Halbinsel.
Auf der Höhe der Balearen biegt ein Teil der Letzteren in Richtung Sardinien ab und schlägt die Route ein, die Capo Pecora streift und entlang der historischen Tonnaren des Sulcis verläuft, wie der von Carloforte.
Die Entstehung der Tonnaren: Zwischen Wissenschaft und Legende
Da die Routen der Thune nicht zufällig sind, sondern sich Jahr für Jahr wiederholen, hat ihre Beobachtung über die Jahrhunderte den Bau der Tonnaren ermöglicht: ausgeklügelte Systeme aus feststehenden Netzen, die wie ein Labyrinth im offenen Meer angeordnet sind, um die Fische auf ihrer Reise abzufangen.
Einer sardischen Legende nach entstand die Idee der Tonnara durch die Eingebung eines Hirtenjungen. Während er seine Schafe auf einem Berg mit Blick auf das Meer hütete, beobachtete er die Thune, die nah an der Küste vorbeizogen, und fragte sich, wie man sie fangen könne.
Eines Tages sah er eine Spinne, die ihr Netz webte – und aus diesem Bild, so erzählt die Geschichte, entstand der Entwurf jenes großen Netzes, das noch heute die Thune zum Fang leitet.
Ein antikes Wissen

Nach dem Ende der Paarungszeit vollzieht sich die Reise in umgekehrter Richtung. Im Herbst verlassen die Thune das Mittelmeer und kehren in den Atlantik zurück – diesmal nutzen sie die wärmeren Strömungen, die in der Tiefe fließen.
Die Kenntnis dieses jahrtausendealten Zyklus hat die Arbeit der Tonnaren seit jeher geleitet. Ihre Ergiebigkeit hing genau von der Fähigkeit ab, den richtigen der Wanderung abzupassen.